Die Kopien

von Caryl Churchill
Regie: Christos Nicopoulos
Übersetzung: Falk Richter
Mit: Thomas Wenzel und Janosch Roloff

Foto: Aesthetische Fotografie K. Dziuk

Wie wäre es, wenn wir unsere missratenen Kinder weggeben und Kopien von ihnen anfertigen, um noch einmal von vorne anzufangen, um es besser zu machen? Darum geht es in diesem Stück von Caryl Churchill, das ein Krimi der Emotionen und Erinnerungen ist und sich mit einer immer aktueller werdenden Thematik beschäftigt. Die Begegnung des Vaters mit seinen kopierten Söhnen erzeugt eine unmittelbare Intensität, die uns tief in existentielle Fragestellungen hineinführt.



Kritiken

Kritik – Kölnische Rundschau Von H. Westphal
Besser als Original?
Caryl Churchills „Die Kopien“ im Foyer des Horizont Theaters


Bernhard ist geschockt: Von ihm gibt es viele. Alle sehen identisch aus, ja eigentlich wie Zwillinge, und mindestens 20 sind es. Auch sein Vater Salter scheint erst mal empört: Diese „Dinge“ haben Bernhards Erbgut gestohlen, eigentlich müssen sie sogar alle ihm gehören! Und es ist Bernhard, der vorausahnt: “Es wird sich rausstellen, dass es Menschen sind.“

In seinem Horizont Theater inszeniert Christos Nicopoulos „Die Kopien“ von Caryl Churchill zuerst als nahezu harmonisches Kneipengespräch. Im Foyer des Theaters sitzen die Zuschauer gedrängt an kleinen Bistro-Tischen und sind ganz nah dran, wenn der Sohn (Janosch Roloff) dem Vater (Thomas Wenzel) bei Wasser und Bier die ganze Geschichte aus der Nase zieht.

Wenzel springt das schlechte Gewissen nahezu aus dem Gesicht: Bernhard ist wirklich der Klon seines leiblichen Sohnes. Churchills Text ist voller vager Andeutungen, aber Alkoholismus und Verwahrlosung müssen wohl die Gründe gewesen sein, warum der Vater seinen Sohn scheinbar missratenen Sohn weggab. Mit dem geklonten Kind sollte alles besser werden. „Es war nicht optimal, aber es war das beste, was ich tun konnte“, konstatiert er, wohl ahnend, dass sich die Schlinge bereits zuzieht. Denn der echte Bernhard taucht auf: Roloff trägt ein weißes Unterhemd, darüber eine alte Lederjacke, am Finger blitzen silberne Klunker. Er ist aggressiv, kriminell, angsteinflößend – und der Zuschauer ahnt, dass Erbgut allein keinen Charakter ausmacht. Dass das Original dann aber seinen geklonten Bruder ermordet Kain und Abel lassen grüßen wird nur kurz abgehandelt.

Das Gedankenspiel darüber, was uns zu der Person macht, die wir sind, ist spannend. Das lässt auch den kurzen Theaterabend im Horizont-Foyer gelingen Wenzel und Roloff, beide in der Kölner Szene auch als Regisseure bekannte Gesichter, tragen viel dazu bei. Vor allem, wenn Roloff am Ende in einem weiteren Bernhard-Klon schlüpft. Der langweilige Allerweltstyp ist Mathelehrer, mag blaue Socken und Bananeneis. Und man fragt sich: Wozu soll Klonen eigentlich gut sein?


Kölner Illustrierte
Von D. Abels


Da kann man als nichtsahnender Passant schon einmal ins grübeln kommen: Durchs Fenster des Horizont-Cafés sieht man zwei Männer, die offenbar in einen heftigen Disput verstrickt sind. Der jüngere packt den älteren am Kragen, die Situation droht zu eskalieren. Die Cafébesucher verfolgen das Ganze mit wohlwollend-interessierten Blicken. Bei den Kontrahenten handelt es sich jedoch nicht um streitsüchtige Gäste, sondern um die Schauspieler Thomas Wenzel und Janosch Roloff. „Die Kopien“ stellt die Frage, was passieren würde, wenn man missratene Kinder durch optimierte Clone ersetzen könnte. Die besondere Dynamik des Stücks brachte Regisseur Christos Nicopoulos auf die sehr gelungene-Idee, die Darsteller nicht auf einer Bühne, sondern zwischen den Zuschauern agieren zu lassen.

Rheinkultur
Von C.Zimmermann


Zuschauerraum ist das enge Foyer des Hauses. Dieses Ambiente sei „intimer“ befindet Regisseur Christos Nicopoulos. Er hätte Thomas Wenzel und Janosch Roloff für die siebzig Spielminuten sogar lediglich auf einer Couch platzieren können, denn die englische Autorin (78) bietet Dialogszenen, wo Worte wirken, nicht szenische Aktion. Gleichwohl: die Wechsel von einer Sitzecke auf eine Fensterbank und dann zum Tresen sorgen für willkommene visuelle Abwechslung. Welche Gründe letztlich zum Klonen des kleinen Bernhard führten, verrät Caryl Churchill nicht genau. Es reicht aber grundsätzlich zu wissen, dass der Vater mit Bernhard 2 eine bessere Version seines Ur-Filius schaffen wollte. Bei diesem irgendwann nicht mehr ganz lenkbaren Prozess ergeben sich Identitätsprobleme bei den menschlichen Kopien. Dass sie in Charakter und Verhalten nicht völlig identisch sind (der letzte Spross, Michael Black, wirkt sogar fast wie eine Kleinbürger-Karikatur) schafft zusätzlich Verwirrung, was sich auch in dem etwas verhasteten Dialog niederschlägt, welchem etwas mehr Ruhe gut tun würde. Die beiden von der Regie intensiv geführten Darsteller geben ihm andererseits Anflüge von Tragik, so dass man zum Nachdenken über eine besondere Zeitproblematik angeregt wird.