Hetärengespräche

von Lucian von Samosata u.a.
Regie: Christa Nachs

Foto: Horizont

In einem Café sitzen zwei Damen im Fenster und erzählen ebenso pikante wie belustigende, traurige wie schockierende Episoden aus ihrem Berufsleben und von den unzähligen Männern, die sie trafen. Sie kennen die Männer wie keiner sonst - denn in ihren Armen plaudern sie nackt und ungefiltert über alles, was sie umtreibt. Sie sind Hetären, Mätressen, Kurtisanen, Liebesdienerinnen, Huren, Nutten, Dirnen, Prostituierte, Bordsteinschwalben. So vielfältig wie die Bezeichnungen ist auch die Kritik an diesem wohl ältesten wie umstrittensten Gewerbe der Welt. Als Antwort darauf blicken die beiden ebenso kritisch wie liebevoll auf die Tradition des Liebesgewerbes vom antiken Griechenland bis zu den Sexdienstleisterinnen von heute.

PRESSE

Klassiker namens Sex

Geschichten aus 2.000 Jahren Prostitution

Innenstadt (ha). Einer ungewöhnlichen wie naheliegenden Bühne bedient sich Regisseurin Christa Nachs in der aktuellen Inszenierung am Horizont Theater: Vom vertrauten Ambiente des Spielsaals im Keller des Gebäudes zieht das Ensemble für „Hetärengespräche“ mitten vor die großen Fenster des ebenerdigen Warteraums um. So bietet das Schauspiel Zuschauern im Inneren der Städte wie vorbeiziehenden Straßen-Passanten provokante Anblicke, denn die Hauptfiguren Adele (Lisa Heck) und Biggi (Signe Zurmühlen) sind Hetären, sprich Huren. Während die beiden in reduzierter Kleidung lasziv ihre Kunden anlocken, bleibt auch Zeit für Gespräche von Profi zu Profi.
Neben alltäglichen Nöten und Leidenschaften aus der Gegenwart tauchen die Damen zudem mittels einer von Christopf Martin Wieland übersetzten Schrift des antiken Satirikers Lukian von Samosata in Geschichten aus 2.000 Jahren Prostitutionsgewerbe ein. Amüsement trifft in der Tragikomödie immer wieder auf Ernsthaftigkeit, etwa, wenn Zwangsprostitution oder Sex mit Minderjährigen im Zuge von Gewalt und Abhängigkeiten zur Sprache kommen. Die von Film- und Theatermachern nicht selten romantisch verklärte Arbeit der Mätressen bleibt in der Horizont-Inszenierung an den an den richtigen Stellen bitterernst und vermeidet so das Siegel des leichten Entertainments. Signe Zurmühlen und Lisa Heck, die bei besonderem Liedgut, vorgetragen von Pianist Basil Weis, unterstützt werden, umschiffen auch die gefährlichen Untiefen einer Revue. Vielmehr gelingt ihnen ein über weite Strecken intimer Dialog über einen zeitlosen Klassiker namens Sex.
(Thomas Dahl, 04.03. im Wochenspiegel)

Kann Liebe Sünde sein?

„Hetärengespräche“ im Horizont-Theater inszeniert
Weiß der Henker, ob es stimmt. Aber behauptet wird es allzeit, dass die Prostitution das älteste Gewerbe der Welt sei. Weitere Kandidaten für den Titel sind sicherlich die Jagd, das Kriegshandwerk und ihre kleine Schwester, die Spionage. Aber sei es drum, ob nun ältestes oder eines der ältesten Gewerbe, die käufliche Liebe hat auf jeden Fall eine sehr lange Geschichte. Bei einem Besuch in den Ruinen von Ephesos in der heutigen Türkei gibt es wohl keinen Touristen, der nicht von seinem Fremdenführer zum berühmten Bordell-Wegweiser gebracht wird, der auf der Straße vom Hafen in die Stadt in den Boden gemeißelt ist. Wie eh und je, spielte sich Prostitution auch im antiken Griechenland zwischen Hafen und Halbwelt ab.
Das Horizont-Theater in der Nähe des Eigelsteins, dem einstigen Epizentrum von Kölns „Miljöh“, ist schon rein geografisch ein passendes Etablissement für eine kleine, feine Inszenierung (Christa Nachs) der „Hetärengespräche“ - Hetäre ist das altgriechische Wort für Hure - von Lukian von Samosata, der die Dialogminiaturen um das Jahr 160 herum verfasste.
Doch nicht auf der Bühne im Keller, sondern im Cafe im Erdgeschoss geben Lisa Heck und Signe Zurmühlen bei der Premiere am Mittwoch die zwei leichten Damen Adele und Biggi, die im Bordell von Igor arbeiten.
Biggi ist schon länger dabei, Adele hat ihren ersten Arbeitstag, ist aber trotzdem schon mit allen Wassern gewaschen. Äußerst luftig in Reizwäsche gekleidet, räkeln sie sich in den Fenstern des Cafes und verdrehen so nicht nur den Zuschauern den Kopf, sondern auch so manchem Passanten, der draußen vorbeigeht und überrascht reinglotzt, als wollte er sagen: „Gestern war hier doch noch ein Theater und kein Puff.“ Nebenbei erzählen sich Adele und Biggi pikante und belustigende, traurige und schockierende Episoden aus ihrem Berufsleben. Rasch ist klar: Sie kennen die Männer wie keiner sonst, denn in ihren Armen plaudern die nackt und ungefiltert über alles, was sie umtreibt. Zu Beginn beäugen sich die beiden Frauen noch argwöhnisch, sind eher Konkurrentinnen als Kolleginnen. Vor allem dass Adele in einem Reclam-Bändchen die „Hetärengespräche“ liest, irritiert Biggi sehr. Und auch der Pianist (Basil Weis) mit dem Adele und Biggi viele Songs zum Besten geben, kommt überhaupt nicht mehr klar, als er erfährt, dass Adele „Philosophie und Theologie“ studiert. Doch über das gemeinsame Lesen der Dialoge kommen sich die beiden Frauen näher, freunden sich gar an. Es ist erstaunlich, wie aktuell die Dialogminiaturen teilweise wirken, trotz ihrer knapp 2000 Lenze. Allein schon die Idee des Horizont-Theaters, die „Hetärengespräche“ aus der Versenkung zu holen, verdient ein Bravo.
(Bernhard Krebs, 13.02. in „Kölner Rundschau“)

Kritik vom 04.05.15 bei der Theatergemeinde Köln

Hetärengespräche
Ganz geheuer ist es dem anwesenden Publikum – junge Männer und Frauen und solche „in den besten Jahren“ - nicht zumute. Sie sitzen lange vor dem angegebenen Spielbeginn bereits im Cafe des Horizont Theaters, trinken Wein, Kölsch oder Cola und kichern erwartungsfroh: was werden die beiden Schauspielerinnen wohl gleich in den samtbeschlagenen Fenstern zeigen, so nah an den Gästen? Mit Beginn der Vorstellung ist der Gastraum mehr als gut gefüllt, der Pianist nimmt Platz und es geht los. Schlager der Dreißigerjahre (grandios interpretiert von Lisa Heck) treffen auf Gedanken von Prostituierten („Hetären“) der griechischen Antike, die wiederum vorgetragen werden von zwei jungen Frauenfiguren der Gegenwart, die sich die Zeit vertreiben, während das Geschäft im Fenster gerade nicht so gut läuft. (Jedenfalls laut Script. Im wahren Leben erregen Lisa Heck und Signe Zurmühlen als Adele und Biggi jede Menge Aufmerksamkeit bei den Theaterfenster-Passanten). Fazit des Abends: Zwischen Männern und Frauen hat sich im Wesentlichen seit einigen Jahrtausenden nichts geändert. Ein sehr unterhaltsamer Theaterabend mit launiger Musik. ah

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