36 Stunden - Die Geschichte vom Fräulein Pollinger

nach dem Roman von Ödön von Horváth
in einer Bearbeitung von Anja Schöne
Regie: Anja Schöne
Mit: Eva Marianne Kraiss, Eric Carter

Foto: Heinz Schick

Die ganz und gar prosaische und gleichzeitig durch und durch ergreifende Liebesgeschichte zwischen der attraktiven Agnes Pollinger und dem notorischen Frauenheld Eugen Reithofer beginnt vor ihrer einzigen Gemeinsamkeit: dem Arbeitsamt. Obwohl man sich rasch näher kommt und erneut verabredet, steht Agnes stattdessen einem Maler nackt Modell und fährt mit einem Eishockeystar in dessen Cabrio, immer in der Hoffnung, dass die anderen Herren ihr mehr zu bieten haben als ein arbeitsloser Kellner. Doch als sie Stunden zu spät am verabredeten Treffpunkt erscheint, wartet Eugen immer noch auf sie. Ödön von Horváth beschreibt in seinem ersten Roman zutiefst ironisch und doch voller Sympathie, wie die Menschen zwischen den Weltkriegen versuchen, sich durchzuschlagen und gleichzeitig ein bisschen privates Glück zu finden. Ein satirischer Parforceritt über Geschlechterkampf und Wirtschaftskrise und gleichzeitig eine behutsame Liebesgeschichte.





PRESSE

Von einem Chaos in das nächste. Köln, den 17.04.15
Ödön von Horvaths „36 Stunden“

Das kleine Hütchen sitzt keck auf den rot-braunen Locken, die brave Bluse über dem engen Rock betont die Vorzüge des „gut gebauten“ Fräulein Pollingers: Beim Ablick der aparten Erscheinung ist Eugen Reithofer hin und weg. München, Sommer 1928: Auf dem Arbeitsamt begegnet der attraktive Kellner der charmanten Näherin Agnes und zögert nicht lange. Nach einem Spaziergang kommen sich die beiden unter einer alten Ulme näher und verabreden sich für den nächsten Abend. Während der notorische Casanova das bevorstehende Tete-a-Tete kaum erwarten kann, stolpert Agnes auf der Bühne des Horizont-Theaters von einem Chaos ins nächste: Während die Verabredung näher rückt, steht sie nackt Modell und braust mit einem affektierten Playboy an den Starnberger See. Als der nach seiner Einladung zu Schnitzel und Gurkensalat grob eine Gegenleistung fordert und Agnes danach unsanft aus seinem Sportwagen wirft, scheint das Treffen mit Eugen aussichtslos. Ob sie dem gut aussehenden Charmeur jemals wiedersteht, sei nicht verraten. Wer sich die Überraschung bewahren möchte, sollte den Text im Programmheft zu „36 Stunden“ besser meiden.
Regisseurin Anja Schöne hat für ihre rasante, kurzweilige Bearbeitung des Romans von Ödön von Horvath mit Eva Marianne Kraiss und Eric Carter zwei Protagonisten gefunden, denen der Kraftakt der temporeichen Textmenge leicht von den Lippen geht. Die beiden steigen immer wieder aus der Handlung aus und führen launig in den Kontext der Goldenen 20er mit ihren politischen Krisen und illusionsloser Erotik ein. Eine originelle Idee sind die Leuchtkästen mit Aufschriften wie „Ulme“ und „Starnberger See“, die den Handlungsort auf der spartanischen Mini-Bühne klarmachen. (kah)


36 Stunden
erschienen in der Theatergemeinde-Zeitung

Die Regisseurin Anja Schöne hat sich eines der weniger bekannten Romane Horvaths, „36 Stunden“, angenommen. Ihre Theaterfassung verdichtet die Sprache und Atmosphäre von Horvaths Roman, der die Begegnung zwischen Agnes Pollinger und Eugen Reithofer beschreibt. Beide sind arbeitslos, beide auf der Suche nach ein wenig privatem und beruflichem Glück im München der Zwanzigerjahre. Die beiden Darsteller, Eva Marianne Kraiss und Eric Carter, führen durch eine Revue amüsanter, tragikomischer und satirischer Szenen, die sie immer wieder aus der Außen-Perspektive der Theatermacher und der Jetzt-Zeit kommentieren. Besonders Eva Marianne Kraiss fühlt sich ganz in diese Doppelperspektive ein und spielt die Agnes Pollinger so sympathisch, leicht und selbstverständlich, dass man mit ihr gemeinsam noch stundenlang ins Leben des Fräulein Pollingers schauen möchte. Leuchtkästen mit Aufschriften wie „Ulme“ oder „Agnes verwanztes Zimmer“ sind die passende Entsprechung dieser gleichzeitigen Inszenierung von Theater- und Metaebene.
Fazit: Sehr zu empfehlen. (Ah)